Ihre ersten Leporellos erscheinen 1962 unter dem Titel «Folded Stories»
bei der Basilius Presse in Basel. Mit diesen kleinen Faltgeschichten
beginnen ihre sozialkritischen und philosophischen Abhandlungen. Jedes
Buch hat ein Thema, das sie beschäftigt. Insbesondere das Verhalten von
Menschen in einer Grossstadt wie New York (Arbeiten – Schlafen –
Arbeiten – Schlafen) oder Party machen, sich verstehen oder bekriegen
sind ihre wichtigen Themen.
Mit diesen Faltgeschichten kann sie eine
eigene Nische schaffen und ihre Künstlerbücher werden sowohl in
Buchläden als auch in Galerien ausgestellt. In ihrem ersten Leporello
«Wilhelm Tell» von 1962, auch auf Englisch herausgegeben vom Junior
Council des Museum of Modern Art, erzählt Warja in einer eingängigen
Symbolsprache die Geschichte vom Schweizer Nationalheld. Bei den Bildern
handelt es sich nicht mehr um klassische Illustration, sondern um eine
in reduziert-abstrakter Zeichensprache notierte Choreografie der
Handlung. Der Realismus herkömmlicher Darstellungen wird in Warjas
Faltgeschichten aufgehoben.
Rotkäppchen – Le Petit Chaperon Rouge
Wie Warja in
ihrem Werktagebuch vermerkte, ist der Entwurf zu «Rotkäppchen» (1960)
ihr erstes Leporello. Dabei dient die literarische Vorlage des
grimmschen Märchens als Folie für eine radikal neue gestalterische Idee:
eine Geschichte ausschliesslich in farbigen Punkten zu erzählen. In
«Rotkäppchen» werden grüne, rote, blaue und schwarze Punkte zu
grafisch-visuellen Szenen angeordnet, als Protagonisten sind sie Teil
einer rein visuell dargestellten Handlung. Um die Szenen zu
entschlüsseln, hilft eine Zeichenlegende am Anfang des Leporellos: Der
rote Punkt steht für das Rotkäppchen, der schwarze für den Wolf, der
blaue für die Grossmutter, der braune für den Jäger, der gelbe für die
Mutter und die grünen für die Bäume des Waldes; ein braunes Rechteck
steht ausserdem für das Haus und eine braune eckige Linie in Form eines
U für das Bett. Mit ihrer abstrakten, grafisch-visuellen Umsetzung eines
bekannten Märchens gelingt es Warja, die mimetischen Darstellungsweisen
der herkömmlichen Illustration hinter sich zu lassen.
Imageries
Ab 1965 publiziert der renommierte Pariser
Kunstverlag Adrien Maeght Éditeur Warjas Faltgeschichten. Die Leporellos
nach Märchen Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm – «Rotkäppchen»
(1965), «Die Fabel vom Zufall» (1968), «Schneewittchen» (1974),
«Aschenputtel» (1976), «Däumling» (1979) sowie «Dornröschen» (1982) –
sind die wohl bekanntesten Werke Warjas, auch wenn es sich nur um einen
kleinen Ausschnitt ihres von thematischer Vielfalt und gestalterischem
Ideenreichtum geprägten Œuvres handelt. Diese sechs Märchen erscheinen
1982 in einer aufwendigen Gesamtausgabe und werden 1994 verfilmt (IRCAM,
Centre Pompidou). Für diese Märchen verwendet Warja den Begriff
«Imageries», den sie nach und nach auf fast alle ihre Künstlerbücher
ausdehnt. Die Imageries lösen die Folded Stories (1962–1967) ab und
markieren damit den Wechsel der Herausgeber und des kulturellen
Sprachraums, in welchem sie erscheinen.